26.09.2017
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31.10.2014
Die Mauer ist weg
25 Jahre später am Flutgraben zwischen Treptow und Kreuzberg

Berlin (tour's / Str.-Hl.) - Fast genau 25 Jahre sind vergangen, seit die Forderung „Die Mauer muss weg!“ am 9. November 1989 zur Realität wurde. Im einst geteilten Berlin ist inzwischen nur noch wenig zu sehen von den Spuren der jahrzehntelangen Teilung und den brutalen Sperranlagen, mit denen die Ostbezirke vom Westteil der Stadt abgeriegelt wurden. Einiges lässt sich auch heute jedoch am einstigen Mauerort Flutgraben nachvollziehen, seit 1920 Verwaltungsgrenze zwischen Treptow und Kreuzberg, nach 1945 Systemgrenze zwischen Ost und West und in der Nacht zum 13. August 1961 dann abgesperrt durch den Bau des „Antifaschistischen Schutzwalls“ bis zum November 1989.

Doch man muss schon etwas genauer hinsehen. An einem herbstlich-freundlichen Sonntag ist es hier am Schlesischen Busch nur freundlich-beschaulich. In der Parkanlage entlang des Flutgrabens drehen Jogger ihre Runden, Hunde werden Gassi geführt, Spaziergänger sind unterwegs, auf der Wiese spielen Kinder Federball. Und direkt auf der Oberen Freiarchenbrücke über den schmalen Flutgraben sind zwei Angler beim Stippen. Ringsum über und über mit bunten Graffiti versehen, hat auch der Grenzturm im Schlesischen Busch jeglichen Schrecken verloren. Er hatte den DDR-Grenztruppen als Führungsstelle gedient, von der aus die Bewachung des gesamten Grenzabschnitts koordiniert wurde. Als einer von drei heute noch existierenden ist er inzwischen eine Rarität und wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Wo die Mauer parallel zum Flutgraben verlaufend die Puschkinallee querte, kennzeichnet heute – wie an vielen Orten im Stadtgebiet – ein Kopfsteinpflasterstreifen ihren Verlauf. Zu dem früheren Betriebsgelände am Graben und der dahinter liegenden Spree sind immer viele Menschen zu Fuß oder per Rad unterwegs und schenken dieser Markierung auf ihrem Weg zu Vergnügungen in der ARENA oder auf dem Badeschiff kaum Beachtung. An einem Oktobersonntag nehmen viel den Weg zu einem direkt am Flutgraben aufragenden massiven Klinkergebäude, dem heutige Atelierhaus am Flutgraben. 1928 errichtet, gehörte es vor der Wende zum Betriebsgelände der Ost-Berliner BVB und einer volkseigenen Großwerkstatt für Omnibusse und LKWs. Das Areal wurde nach dem Mauerbau Grenzgebiet, wo jedoch weiterhin bei starkem Kontroll- und Sicherungssystem gearbeitet wurde. Die direkt am Graben aufragende Gebäudewände des früheren Werkstattgebäudes bildeten die direkte Grenze zu West-Berlin. Dieses Haus wurde sehr bald nach dem Mauerfall von der Kunstszene erobert. In 50 Ateliers arbeiten heute zwischen 70 und 90 Künstlerinnen und Künstler national und international bunt gemischt entsprechend der lebendigen internationalen Berliner Kunstszene. Schon zum dritten Mal öffneten viele von ihnen ihre Werkstätten zum sonntäglichen „Tag der Offenen Tür“ am 26. Oktober – ob Maler und Bildhauer, Textilgestalterin oder Objektkünstler. Der Bildhauer Harald Birck gehörte zu den ersten, die hier einzogen. „Damals waren noch letzte Fabrikarbeiter hier tätig, das ganze Haus war zur Grenze noch vermauert, aber auch schon erste Künstler, Architekten, Tischler und Designer waren eingezogen. Damals war die Mischung noch bunter, wo wir die dunklen, ölverdreckten Ecken urbar gemacht haben. Eine etwas schräge Zeit war das mit viel Euphorie, die Lage als Außenposten mitten in der Stadt war schon sehr besonders und etwas anders als heute, bevor sie von der Clubszene entdeckt wurde und es nebenan nur einen Fischer gab,“ erinnert er sich.

Von der Besonderheit der unmittelbaren Grenzlage des heutigen Atelierhauses sind noch manche Relikte erhalten geblieben oder nachvollziehbar. Gen Westen zur Lohmühleninsel abgeschottet wurden vor 25 Jahren Fenster und Laubengänge mit Metallplatten, Gittern und Ziegelsteinen. Ziegelsteinbänder der Fassade wurden abgeschlagen, um eine Flucht durch den Flutgraben zu verhindern. Auf dem Dach patrouillierten Grenzsoldaten. Das Haus als direkter Teil der Berliner Mauer und das ganze Areal haben eine sehr bemerkenswerte Geschichte mit geglückten wie missglückten Fluchtversuchen. Beim bunten Treiben der „Open Studios“ in den Ateliers und Ausstellungsräumen dachten Künstler und ihre Gäste nach einem Vierteljahrhundert zurecht wohl kaum daran. Vor Ort sind jedoch Vereine zur Dokumentation dieser „Mauergeschichten“ tätig.

Weiteres zum Thema auch im tour´s-Magazin Treptow-Köpenick Nr. 1 / 2014 und unter www. grenzlaeufte.de



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